Nähe
Draußen ist heller Sonnenschein und blauer Himmel. Eine ungewöhnliche Zeit meine Höhle aufzusuchen, aber ich musste jetzt hierhin, weil nur hier meine Gedanken ganz mir gehören, weil sie hier Kraft haben. Ich will sie auf die Reise schicken, ich will, dass sie da sind und Kraft geben und diese Kraft bekommen sie nur hier.
Schau auf das Band der Zeit, siehst du die vielen wunderschönen Glitzersteine die dort liegen? Sie sind ein „Weißtdunoch“ Juwel, eine Kette von wunderschönen Augenblicken. Und da, ganz genau da an diesem Punkt ist der heutige Tag, er ist noch nicht voll, weil er ja gerade erst passiert, noch weiß niemand wie er enden wird. Und davor, davor ist alles noch offen, bereit für uns, es wieder mit wunderschönen Dingen zu füllen.
Merkst du, dass ich da bin? Fühlst du die Nähe meiner Gedanken? Weißt du noch der Tropenregen? Der Himmel hatte alle Schleusen geöffnet. Er wird es wieder tun, da bin ich ganz sicher, und wir werden es wieder sehen.
Es gibt keine Alternative für Liebe, sie braucht keine Entschuldigung, kein Verzeihen, weil sie einfach da ist, so wie sie eben ist. Und sie hat soviel Kraft, sie rennt nicht davon vor Drachen oder Ungeheuern die sich ihr in den Weg stellen. Sie ist eben furchtlos und mutig, sonst wäre es nicht die Liebe.
„Was machst du hier zu dieser Tageszeit?“ höre ich die Stimme meines Kummervogels, „ich beobachte dich schon eine Weile, machst du dir Sorgen um irgend Etwas?“ Ich schaue mich um, er sitzt heute an einer ganz anderen Stelle der Höhle, dort saß er vorher noch nie. „Hast du dich versteckt vor mir? Wolltest du nicht, das ich dich sehe?“ frage ich den Vogel. „Ich bin immer hier, auch wenn du mich nicht siehst. Manchmal lasse ich dir eine Feder hier, so wie in der letzten Nacht, manchmal aber auch nur meine Gedanken“. Er kommt mir geflogen und setzt sich wieder auf meine Schulter. „Sag mir doch, warum du hier bist, was beschäftigt dich?“ fragt er mich.
Ich schaue ihn an und sage: „Ich will meinen Gedanken Kraft geben, ich will, dass sie ganz fest bei jemandem sind, so dass er spürt, dass ich in seiner Nähe bin“. Der Vogel reibt wieder seinen Kopf an meiner Schläfe um mir seine Zuneigung zu zeigen, dann sagt er: „Die Nähe zu einem Menschen liegt in unseren Herzen, wenn dieser Mensch ganz fest in deinem Herzen wohnt, wirst du ihm immer nah sein und er wird das auch fühlen, sei unbesorgt“.
„Ich wünschte mir, dass meine Liebe eine warme Decke sein könnte, in die er sich einhüllen kann, wenn es ihm kalt ist“, sage ich und streichle dem Vogel über den Kopf. Ich liebe die bunte Weichheit seines Gefieders. „Aber jetzt werde ich wieder fort gehen“, sage ich, vielleicht komme ich ja schon heute Nacht wieder her“.
Der Vogel schaut mich an, lächeln kann er ja nicht mit seinem Schnabel. Aber seine Augen sind voller Wärme und Freundlichkeit, „du kannst sooft hierher kommen, wie du magst, ich möchte, dass du das weißt“.
Er schaut mir hinterher, als ich die Höhle verlasse, ich fühle seine Blicke in meinem Rücken, so wie man sicher auch Gedanken fühlt die in der Nähe sind und sagen „Du ich bin hier“.