Instinkt
Wieder bin ich in der Nacht in meine Höhle gelaufen, weil ich nicht schlafen konnte. Dieses Mal hielt ich sofort Ausschau nach dem Vogel, dem bunten wunderschönen Vogel. Er saß schon da, so als ob er auf mich gewartet hätte. „Hallo, da bist du ja“, begrüßte er mich.
„Hast du etwa auf mich gewartet?“ fragte ich, „woher wusstest du denn, dass ich heute Nacht hierher komme?“ Bestimmt war mein Gesichtsausdruck ziemlich erstaunt. „Ich wusste es einfach“, antwortete er, „mein Gefühl hat es mir gesagt, das nennt man Instinkt, weißt du?“
Ich streichelte ihm über seine bunten Federn, weil ich dieses weiche Gefühl so liebte. „Schade, dass wir Menschen den nicht auch haben, diesen Instinkt, dass er nur den Tieren vorbehalten ist“, sagte ich während ich ihn streichelte. Er neigte seinen Kopf zur Seite und schaute mich wieder mit seinen klaren Augen an. „Das stimmt nicht, jedes Lebewesen hat Instinkte, nur die Menschen verlernen darauf zu achten, sie sind zuviel mit anderen Dingen, die ihnen wichtiger erscheinen, beschäftigt“, antwortete er.
Jetzt sprang er wieder auf meine Schulter, wie beim letzten Mal und sprach weiter. „Du hast doch jemanden, den du mit deinem ganzen Herzen liebst. Wenn er mal nicht bei dir sein kann, sind deine Gedanken doch sicher ganz fest bei ihm, stimmt das?“ Ich lächelte ihm zu, „na du stellst aber Fragen, natürlich sind sie bei ihm. Er ist doch immer in meinem Herzen, Tag und Nacht“. Ich legte meinen Kopf in den Nacken, damit ich den Vogel ansehen konnte. „Nun“, fragte er, „dann fühlst du sicher auch, wenn es ihm einmal nicht so gut geht, oder wenn er traurig ist?“
Ich dachte kurz nach, „stimmt“, antwortete ich, „in meinem Herzen ist dann ein banges Gefühl, das es mir sagt“. Jetzt sprang der Vogel auf meine andere Schulter und schaute mich an. „Also hast du doch Instinkt, du fühlst Dinge, die du gar nicht sehen oder hören kannst. Menschen die sehr gefühlvoll sind, die mit dem Herzen schauen, so wie du, haben sich ihre Instinkte bewahrt“. Er legte seinen Kopf an meine Wange, so als ob er mir zeigen wollte, dass er mich mochte.
„Aber jetzt erzähle mir doch einmal, warum du heute Nacht hierher gekommen bist. Irgend Etwas beschäftigt dich doch, das spüre ich nämlich auch“, sprach er weiter und er berührte mit seinem Schnabel liebevoll meine Nase, um mich zum sprechen aufzufordern.
„Weißt du“, begann ich, „da gibt es etwas, worüber ich mir den Kopf zerbreche, ich werde es dir erzählen, vielleicht weißt du ja einen Rat“. Der Vogel sprang jetzt auf meinen Schoss und ich wusste, dass er mir jetzt sehr aufmerksam zuhören würde.
„Da gibt es einen Menschen“, erzählte ich, „der mir vor einigen Monaten durch einen Zufall begegnet ist. Dieser Mensch hat mir sehr weh getan, weil er etwas, was ich sehr liebe furchtbar schlecht gemacht hat. Er wollte, dass ich den Glauben daran verliere. Mit dem, was er tat hat er mich an einen Abgrund von Leid geschoben, fast wäre ich in diesen Abgrund hineingestürzt“. Ich legte meine Hände auf mein Herz, das auch jetzt bei den Gedanken daran schmerzvoll schlug.
Der Vogel schaute mich ruhig an, er wusste, dass ich noch weiter sprechen würde. Ich holte einmal tief Luft und redete weiter: „Jetzt kommt dieser Mensch wieder auf mich zu und ist unglaublich freundlich, aber ich kann hinter diesem liebenswürdigen Gesicht nur die hässliche Fratze von damals sehen. Ich weiche zurück und halte mich krampfhaft fest, um nicht wieder in den Abgrund zu sehen“. Alle Zweifel, die ich habe lagen wohl in meinen Worten, „jetzt fühle ich mich manchmal schlecht, weil ich so hart bin und vielleicht nur nicht verzeihen kann“.
Der Vogel sah mich an und antwortet: „Auch das ist Instinkt, der Instinkt dich selber zu schützen. Wenn du diese Fratze noch siehst, dann ist sie auch noch da. Fratzen verschwinden nicht einfach bei Nacht und Nebel, so als ob sie nie da gewesen wären“. Er sprang wieder auf meine Schulter und legte zärtlich seinen Kopf an meine Wange, „du hast jedes Recht deine Seele und dein Herz vor Verletzungen zu beschützen. Menschen, die anderen das Herz zertreten, müssen damit rechnen, dass man sie nicht zu nah kommen lässt. Du hast keine Schuld, glaube mir“.
Ganz tief holte ich Luft und ich fühlte, dass es mir gut getan hat, dem Vogel von meiner Sorge erzählt zu haben. Wieder stand draußen der neue Tag und wollte damit beginnen seine Runde zu laufen. „Ich denke, ich gehe jetzt“, sagte ich zu dem Vogel, „vielleicht kann ich ja doch noch etwas schlafen“. Der Vogel sprang auf einen Felsvorsprung und schaute mich an, “ich möchte dir noch etwas sagen, bevor du gehst“, sagte er, „ich möchte, das du immer an etwas denkst, egal was du tust. Bitte höre immer auf deine Gefühle und folge deinen Instinkten. Du brauchst keine Angst davor haben, weil sie gut für dich sind. Sie leiten dich und sie beschützen dich auch, wenn du auf sie hörst“.
Jetzt flog der Vogel nach oben zum Höhleneingang und in der aufgehenden blassen Sonne schimmert sein Gefieder wunderschön bunt. Ich sah ihm nach wie er langsam verschwand. Dann drehte ich mich herum und ging auch zurück.