Der Kummervogel
Fast habe ich ihn gar nicht gesehen, er saß auf einer Felsenspitze und schaute mich mit klaren und wachen Augen an. Ein großer Vogel saß dort mit einem langen gelben Schnabel. Wunderschönes buntes Gefieder hatte er, es glänzte im Schein der brennenden Kerzen, die ich angezündet hatte. Er legte seinen Kopf zur Seite, dann öffnete er seinen Schnabel und sprach mit mir. „Was machst du hier?“ fragte er, „versteckst du dich hier vor irgend etwas? Ich habe dich jetzt schon so oft hier gesehen und immer bist du tief in Gedanken versunken.“
Ich schaute ihn an und es wunderte mich nicht, dass er mit mir sprach. In diesem Bereich hinter der Zeit, ist die Seele weit geöffnet und sie kann auch Dinge wahrnehmen, die tief verborgen sind.
„Ich verstecke mich nicht“, antwortete ich, „ich versuche Ruhe zu finden, meine Ängste zu besänftigen, einfach auszuruhen.“ Ich sah ihn an, wie er da saß und zu mir herüber sah. Ich wusste, er konnte in meine Seele sehen, er wusste, wie ich mich wirklich fühle.
„Dann sage mir doch, warum du hier bist heute Nacht“, sprach er weiter, „mir kannst du wirklich alles sagen, ich werde dir zuhören“. Er spreizte seine Flügel und flog zu mir. Er setzte sich auf meine Schulter und ich konnte seine kleinen Füße auf meiner Haut spüren. Ich legte meinen Kopf in den Nacken und sah ihn an. „Wie kann ich jemandem erklären, wie groß oft meine Ungeduld ist, wie ich es herbei sehne, dass endlich alles wieder gut wird. Wie groß die Angst und der Schmerz in meinem Herzen sind, wem sollte ich das sagen? Der Schlaf flieht vor mir und will mich nicht in seine Arme nehmen. Die Menschen um mich her wünschen mir, dass es mir gut geht und ich möchte ihnen diesen Gefallen tun. Aber ich fühle auch deren Ungeduld und so beginne ich zu schweigen“. Ich hebe meinen Kopf und ich streichele dem Vogel über sein buntes Gefieder. Weich fühlen sich seine herrlichen Federn an und ich genieße es, sie zu berühren.
„Aber du darfst nicht schweigen“, antwortet er und sieht mich ernst an, „weil das Schweigen deinen Schmerz größer macht und deine Angst unüberwindlich. Ich habe schon soviel Schmerz und Leid gesehen, ich könnte dich zu Plätzen führen, wo das Schweigen alles erstickt hat, einen Platz erstarrter Seelen und versteinerter Herzen. Dort würdest du nicht sein wollen, niemals, denn von dort gibt es keine Wiederkehr“.
Er hüpfte auf meinen Schoss und sah mir gerade ins Gesicht, „kannst du mir etwas versprechen? Jetzt, heute und hier? Wirst du weiter kämpfen, nicht aufgeben und daran glauben, dass es wieder besser wird? Kannst du mir das versprechen?“ Ein zaghaftes Lächeln geht über meine Lippen, „wenn ich nicht kämpfen wollte, käme ich nicht immer wieder hier her, um Kraft zu schöpfen. Du bist wunderschön, weiß du das?“ Sage ich zu ihm.
„Ich wünschte, ich könnte dir von meinen Farben ein wenig abgeben, damit du lachst und Mut bekommst für die kommenden Tage. Aber ich sage dir etwas, ich werde immer in deiner Nähe sein und wenn ich dich weinen sehe, werde ich dich mit einer meiner Federn kitzeln, damit ein winzig kleines Lächeln über dein Gesicht geht“.
Die Kerzen waren herunter gebrannt und es wurde dunkler. Fahles Licht kam von draußen herein, der neue Tag wollte aufstehen und seine Runde im Lauf der Zeit antreten. „Bis bald, sagte ich zu dem Vogel, jetzt weiß ich ja, dass es dich gibt und ich werde immer Ausschau halten nach dir, wenn ich herkomme“.
Er schaut mich an, er schweigt jetzt. Ich verlasse diesen Ort und gehe, ich fühle dass mir der Vogel nachsieht.